Freunde, jederzeit!

 

 

Zurzeit hatte ich keine Freunde. Mit den Kindern in meiner Schule kam ich irgendwie nicht klar. Sie hingen nur an ihren Handys, ich las lieber Bücher. Sie unterhielten sich nur innerhalb von Whatsapp, ich lieber von Angesicht zu Angesicht. Niemand hatte mehr Zeit. Alle lernten für die Schule oder sie hingen zum chillen vor ihren Computern und spielten Spiele übers Internet. Ich war vielleicht altmodisch, aber ich wollte lieber auf Bäume klettern, Fahrradfahren oder einfach nur spazieren gehen. Für all das interessierte sich keiner mehr. Und das war mein Problem.Mein Lieblingsfach war Geschichte.

 

Oftmals verlor ich mich so in den Geschichten der Helden und Götter, dass ich stundenlang in meinem Zimmer saß und den Sagen und Mythen, die mir wie durch eine Stimme in mein Ohr geflüstert wurden, lauschte. Alles begann damit, dass mein alter Großvater ins Seniorenheim umsiedeln musste. Der ganze alte Kram musste weg. Meine Mutter musste meinem Opa beim Packen helfen. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, kam ich mit, um mir all das alte Gerümpel anzusehen. Nachdem ich mich durch das verstaubte, alte Zeug vorgearbeitet hatte, fand ich in einem alten Koffer den Zylinder. Er war zwar schon ein kleines bisschen heruntergekommen, aber war immer noch tragbar. Zuhause machte ich Faxen, ich setzte ihn auf und ab, schob ihn tief in die Stirn oder auf den Hinterkopf, ich schmiss ihn hoch, dabei drehte er sich einmal in der Luft und ich fing ihn mit dem Kopf auf. Plötzlich zuckte ein greller Blitz durch den Raum. Sobald ich wieder sehen konnte, konnte ich nicht fassen, was ich sah.

 

Meine Gedanken wollten nicht in mein Hirn gelangen, war es jetzt völlig ausgefallen? War ich verrückt geworden oder stand ich wirklich in einer Straße des neunzehnten Jahrhunderts? Langsam tat ich einen Schritt auf die matschige Straße, schreckte aber sofort wieder zurück, als eine Pferdekutsche auf mich zu preschte. Ich stolperte und platschte in einen noch warmen Pferdehaufen. Widerlich. Meine Hose war total stinkig und dreckig. „Guten Morgen junges Fräulein, kann ich dir vielleicht helfen?“ Ein Mädchen in einem einfachen, beschmutzten Leinenkleid stand vor mir. Sie hatte ihre braunen Haare zusammengebunden und schaute mich nun gutmütig mit ihren großen blauen Augen an.

 

Sie nahm mich an die Hand und führte mich durch die Gassen. „Wie heißt du?“ , fragte ich noch völlig verdutzt. Die Wörter sprudelten aus meinem Mund ohne zu überlegen. Vielleicht war ich gar nicht hier, sondern lag in meinem Bett und fantasierte nur. Ich zwickte mir in den Arm und zuckte zusammen. Nein, ich träumte nicht und war auch nicht in meinem Bett. Das war die Wirklichkeit, jedenfalls irgendwie. „Ich heiße Cornelia Mohnblume. Ich muss mich um alles in meiner Familie kümmern und kann deshalb keine Freunde finden. Ich habe schon lange nichts mehr gespielt, aber jetzt habe ich ja dich.“ Okay, Sie freute sich anscheinend sehr darüber, dass ich da war. Irgendwie kam mir ihr Name bekannt vor. Ich wiederholte den Namen ständig im Kopf. Wo hatte ich ihn schon mal gehört. Da traf es mich wie ein Blitzschlag. Das war meine Urgroßmutter. Ich hätte sie gar nicht sofort erkennen können. Cornelia führte mich an einen Fluss. „Hier bin ich am liebsten.“ Sie balancierte über eine Stamm, um auf die andere Uferseite zu kommen. Geschickt landete sie im feuchten Moos, dessen Geruch ich schon lange vermisst hatte. Zuhause konnte ich nur noch die verpestete Großstadtluft riechen. Auf dem anderen Ufer konnte ich so etwas ähnliches wie ein Zeltlager erkennen. „Das ist mein Reich, gefällt es dir? Ich wohne hier mit meinen Eltern und vier Geschwistern. Hier, nimm das.“ Sie reichte mir ein lumpiges Kleid, dessen Farbe schon fast ausgewaschen war. Das Kleid passte, kratzte aber ein bisschen. „Komm, wir gehen zum Teich, da können wir baden gehen.“ Ich folgte ihr und sie fragte mich über die verschiedensten Dinge aus, warum meine Haare so kurz waren und wo ich herkam.

 

Ich erzählte ihr meine Geschichte. Zuerst erklärte sie mich für vollkommen verrückt, aber dann erschien ihr das plausibel. „Und du kommst wirklich aus einem anderen Jahrhundert?“ „Ja, ich tische dir hier keine Märchen auf.“ „Ich kann mir das gar nicht vorstellen? Erzähl mir etwas über die Zukunft, werde ich eine berühmte Autorin oder eine Ärztin?“ „Ich denke ich kann dir nichts erzählen, weil das deine Zukunft verändern würde.“ „Das verstehe ich.“ Die Grübchen in ihrem Gesicht wurden sichtbar und sie sprang in das kalte Wasser. Das Wasser war klar, rein und angenehm kühl. Ich hatte so viel Spaß, wie lange nicht mehr. Die Sonne ging schon langsam unter und die Abendluft war frisch. „Ich muss nach Hause. Hoffentlich funktioniert es.“ „Werden wir uns denn je wieder sehen?“ „Ja, ganz bald!“ Bevor sie etwas anderes sagen konnte, warf den Zylinder in die Luft, der Blitz erschien und ich stand erneut in meinem Zimmer vor dem Spiegel. Ich sah auf die Uhr.

 

Sie hatte sich nicht verändert. Endlich, endlich hatte ich eine Freundin gefunden, die wirklich nicht von dieser Welt zu sein schien.