Besser spät, als nie

 

Als Anton heute Morgen durch die frische Brise Wind in seinem Zimmer wach wurde, hatte er ein seltsames Gefühl. Es war ein wirklich unbeschreiblich kurioses Gefühl. Er war nicht krank, auch nicht besonders müde. Er spürte nur, dass irgendwas anders war als sonst. Die Gerüche, die Geräusche - alles um ihn herum war ungewohnt. Er öffnete vorsichtig die Augen und bemerkte sofort, dass er offensichtlich woanders aufgewacht ist, als er eingeschlafen ist. Was ist denn nur los? „Wo zur Hölle bin ich?“ flüsterte er leise und auch ein bißchen ängstlich, als er sich vorsichtig im Bett aufsetzte. „Verrückt! Das ist doch mein altes Zimmer?!“

 

Anton zog vor zwei Jahren aus der Stadt in einen kleinen Ort. In seinem neuen zu Hause hat er es sich super gemütlich gemacht. Aus seinem ursprünglichen Kinderzimmer hat er sich ein cooles Jungendzimmer gemacht. Seine Mutter hat ihm einen riesigen Schreibtisch gekauft, an dem er genug Platz für seinen PC, seine Lautsprecher und seinen ganzen Schulkram hat. Er bekam ein neues, großes und sehr gemütliches Bett, einen großen Kleiderschrank und nur ein paar ausgewählte Plüschtiere hatten noch die Ehre, in seinem Zimmer bleiben zu dürfen. Den ganzen Kinderkram hat er auf dem Dachboden deponiert. Trennen konnte er sich davon noch nicht. Aber er fand, dass dies in seinem Zimmer nun echt nichts mehr zu suchen hat. Jetzt jedoch sitzt er wieder in seinem alten Bett, dass er zu seinem 6. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Die alten Schränke sind wieder voll mit seiner Lego Star Wars-Sammlung, und die Super Mario Bilder hängen auch wieder an der Wand. ‚Was ist denn hier los? Das ist ja wohl ein schlechter Scherz!‘ 

 

Er stieg langsam und vorsichtig aus seinem Bett und kroch in die kuschligen Hausschuhe, die davor standen. Vorsichtig strich er über die Schränke, seinen alten Kinderschreibtisch, den bunten kitschigen Stuhl, den er offen gestanden noch nie leiden konnte.  Den Schreibtisch hat er zu seiner Einschulung im Jahr 2008 bekommen und hat daran ganz stolz seine ersten Hausaufgaben in der Grundschule gemacht. Auf dem Kleiderschrank klebten die vielen Aufkleber, mit denen er früher mit Hingabe seinen Schrank dekorierte. Da waren Sticker von Hot Wheels, Power Rangers und Bob der Baumeister. All diese Sticker waren von Spielen und Serien, die er als Kind so liebte. Aber herrje, das ist doch schon Jahre her! Er öffnete seinen Kleiderschank und darin waren die ganzen alten Klamotten. Die passen doch gar nicht mehr! Und das Bücherregal! Ja, das Bücherregal mit dem coolen NASA Poster an der Seite, auf dem er die Weltkugel in verschiedenen Perspektiven immer fasziniert bestaunt hatte. Je länger er sich im Zimmer umsah, umso vertrauter und wohliger wurde ihm zumute, obwohl er sich nicht erklären konnte, was hier passierte. Aber die Zeiten in seinem alten Zimmer waren toll und irgendwie tat es gut, so direkt damit konfrontiert zu werden. Netter Traum! Aber es wäre ja jetzt schon mal Zeit aufzuwachen. Als er vor den Spiegel trat, der an der Wand hing, erschrak er. Da stand der kleine Anton! Er, so wie er vor ein paar Jahren aussah. Er strich sich durch die Haare und der kleine Anton tat das auch. Es war sein Spiegelbild – aber Jahre zuvor!

 

„Was für ein irrer Traum“, flüsterte er, als plötzlich die Zimmertür aufging und seine Mutter im Zimmer stand. „Mama!“ – rief er erstaunt aus. Doch ihr fiel offensichtlich nichts Besonderes auf. „Hey, du bist ja schon wach! Ich mach da gleich mal ein Kreuz in den Kalender! Wie schön! Guten Morgen mein lieber Sohn!“ – sagte sie und küßte Anton auf die Stirn. Warum fällt ihr nicht auf, was mir auffällt? Mama sieht aber irgendwie auch jünger aus! Anton ging verwirrt und sprachlos aus seinem Zimmer, um den Rest der Wohnung zu erkunden. Das Bad, das Wohnzimmer und die Küche waren immer noch so, wie in seiner Erinnerung an die alte Wohnung. Aber wie kann das gehen? Er zwickte sich mit Absicht kräftig in den Oberarm. Es tat weh! ‚Ich träume wohl nicht. Aber wie geht das alles?‘, dachte Anton. Seine Mutter kam und trieb ihn an! „Schnell du Träumer, ab unter die Dusche, Zähne putzen und dann anziehen. Das Frühstück wartet schon auf dich!“, rief Mama ihm zu und flitzte gewohnt hektisch durch die Zimmer. „Mama, kannst du mir erklären, was hier los ist?“ rief er ihr nach. Aber sie lachte nur. „Du bist wie jeden Morgen meine kleine Schlafmütze. Husch jetzt. Wir müssen bald los, sonst kommst du zu spät zur Schule.“

 

Obwohl ihm an dem Morgen so viele verrückte Dinge passierten, tat er, was Mama von ihm wollte und saß wenig später neben ihr im Auto. Er ahnte schon, was jetzt kommen würde und tatsächlich; seine Mutter hielt vor der Grundschule, wünschte ihm fröhlich lächelnd einen tollen Tag und gab ihm einen Kuss. „Ich soll da jetzt rein?“, fragte Anton ungläubig. „Ja was denkst du denn? Husch! Deine Mitschüler warten!“, erwiderte sie.  „Na da bin ich ja jetzt mal gespannt, wie das hier weiter geht.“ Etwas nervös war Anton, als er seine alte Schule betrat. Eins war ja wohl mittlerweile klar: für einen Traum fühlt sich das alles zu echt an und geht auch viel zu lange. Normalerweise ist er ja schon froh, wenn er sich überhaupt an einen Traum erinnern kann. Ein Gedanke machte ihm aber doch Sorgen: Wie würde er wieder aus seinem alten Ich rauskommen, oder geht das jetzt ewig so weiter und wenn ja, wie kann das alles sein? Je mehr er darüber nachdachte, umso paranoider wurde er. Er entschloss sich, aufzuhören zu grübeln und alles auf sich zukommen zu lassen.

 

Er ging er nach oben in das Klassenzimmer, begrüßte den Lehrer mit einem freundlichen „Guten Morgen!“. Wie witzig! Die waren ja alle da! Alle seine Klassenkameraden aus der Grundschulzeit. Aber offensichtlich war für die anderen die ganze Situation völlig normal. Er setzte sich dann zu zwei seiner alten Kumpels, die gerade „Mensch ärgere dich nicht“ spielten. Keiner seiner Freunde verhielt sich ungewöhnlich. Er fasste allen Mut und flüsterte seinem Freund Tim zu „Bist du auch in dein altes Leben zurück gerutscht?“ Tim schaute ihn verwundert an und sagte dann lachend „Anton, ich glaube zu zockst zu viel! Willst du mitspielen?“ Nach 10 Minuten mussten sie ihr Spiel abbrechen, da der Unterricht anfing. In der ersten Stunde hatte die Klasse Mathe. Mathematik war schon immer Antons Lieblingsfach. Die Stunde verging sehr schnell und während der Stunde hatte Anton viel Zeit zum Nachdenken. Er hatte sich seine ganzen Mitschüler nochmal genauer angeschaut. Aber im Grunde, waren sie völlig normal. Bis auf die, die natürlich schon immer eine Schraube locker hatten. Und die Mädchen waren immer noch die gleichen Zicken.

 

Ein Junge namens Karl, an den sich Anton noch gut erinnern konnte, kam zu spät zum Unterricht. Karl und er waren nie gute Freunde. Einen Grund dafür kannte Anton nicht, jedoch haben sie einfach nicht zusammen gepasst oder es auch nie wirklich versucht. Anton fand Karl doof. Karl fand Anton doof. Dabei hat man es belassen. Doch mit Karl stimmte an diesem Tag tatsächlich irgendwas nicht. Oder war er schon immer so? ‚Verflixt! Wieso habe ich nie versucht, Karl etwas näher kennen zu lernen? Wir waren 5 Jahre zusammen in der Grundschule und ich kann noch nicht mal einschätzen, ob seine Nervosität und sein nervöser Blick immer schon da waren.‘ dachte Anton. Karl schaute sich während der Mathestunde jeden Schüler mit einer spürbaren Verunsicherung an. Anton beobachtet ihn ganz genau. Soll er ihn ansprechen? Ihn, den Karl, dem er sich nie im Leben mit irgendwas anvertraut hätte?

 

In der nächsten Stunde stand Musik auf dem Plan. Anton konnte sich jedoch nicht auf den Unterricht konzentrieren. Er ließ Karl nicht aus den Augen. Karl fühlte sich eindeutig unwohl, als wüsste er nicht, was er hier macht. Anton beschloss, Karl in der nächsten Pause anzusprechen. Aber was würde der denken, wenn er ihn in seinen erschreckend realistischen Traum einweiht? ‚Wahrscheinlich fängt er laut an zu lachen und wird den anderen Schülern verkünden, was ich für einen irren Mist erzähle‘. Andererseits spürte Anton, dass es eine gute Entscheidung sein könnte. Was hatte er zu verlieren?

 

Anton konnte das Ende der Musikstunde gar nicht erwarten. Als es endlich soweit war und die ganzen Kinder aufgeregt hinaus rannten, fasste sich Anton ein Herz. Er ging in Gedanken nochmal die bisherigen Erlebnisse durch. Er war doch so sicher, gestern noch als 15-Jähriger eingeschlafen zu sein. Wie kann das denn alles sein? Karl saß noch allein und in Gedanken versunken an seinem Tisch. Anton setze sich zu ihm und begrüßte ihn erstmal. Karl antwortete sehr erwachsen und höflich. Anton atmete noch einmal tief durch und fing dann an, Karl zu sagen, was er an ihm beobachtete und steuerte langsam seine Geschichte an. Während Anton ihm alles erzählte, reagierte Karl nicht wie Anton es erwartet hätte. Anstatt ihn auszulachen oder sein Gerede als groben Mist abzuwinken, schien er genau zu verstehen, was Anton erzählte und er hörte aufmerksam, ernst aber auch irgendwie erleichtet zu. Zum Lachen fand er es auf jeden Fall nicht. Nachdem Anton seine Geschichte beendete, starrte Karl ihn mit großen Augen an. Karl flüsterte kaum hörbar „Du auch?!“ Damit hat Anton nicht gerechnet. Er ist tatsächlich nicht der einzige! Karl redete und redete. Es sprudelte förmlich nur so aus ihm heraus. Ihm ging es exakt wie Anton! Der war so sehr erleichtert, dass er einen verbündeten hat und dass er nicht allein ist, mit dem was er seit dem Morgen erlebt. Anton blieb für den Rest des Schultages neben Karl. Er wich ihm nicht von der Seite. Sie konnten all ihre Erlebnisse teilen und sich gegenseitig in dieser wirklich verrückten Situation stützen.

 

Sie redeten so viel, wie in der gesamten gemeinsamen Grundschulzeit nicht. Während Anton und Karl redeten, dachte sich Anton immer wieder, wie großartig Karl eigentlich war und ärgerte sich, dass er nie versucht hatte, ihn wirklich kennen zu lernen. Nachdem die letzte Unterrichtsstunde beendet war und sie beide ziemlich unauffällig für die anderen durch den Schultag kamen, wollten sich beide gar nicht trennen. Zu groß war die Unsicherheit, wie das alles weiter gehen könnte und wie sie sich verhalten sollten. Gemeinsam hatten beide mehr Mut und gemeinsam erträgt sich so etwas viel leichter. Anton wollte auf gar keinen Fall ohne Karl sein. Sie entschieden sich, noch ein Eis essen zu gehen, bevor sie beide wieder nach Hause mussten. Auf dem Heimweg dachte Anton unentwegt nach. Da er weder wusste, wie er in die Situation kam, war ihm auch gar nicht klar, wie er da wieder rauskommen sollte. Das machte ihm die meisten Sorgen. Ansonsten war das alles ja gar nicht schlecht. Seine Grundschulzeit war toll. Und da an allem was passiert, auch immer etwas Gutes ist, freute sich Anton diese Zeit nochmal erleben zu können. Wer hat schon so eine Chance? Und es bringt ja auch gar nichts, sich dagegen zu wehren. Er überlegte nur unentwegt, wie er es seiner Mutter beibringen soll. Oder soll er lieber nicht darüber reden? Er wünschte, Karl wäre jetzt da. Dann könnten sie gemeinsam eine kluge Entscheidung zu treffen. Er beschloss, zunächst mit niemandem weiter darüber zu reden und den morgigen Tag mit Karl zu nutzen, einen Plan zu schmieden.

 

Anton war am Abend sehr müde, und er ging freiwillig früh ins Bett. Seine Mutter gab ihm lachend und ungläubig einen Gute Nacht-Kuss und sagte „Du hast aber einen wirklich komischen Tag  erwischt!“ Und während Anton schon die Augen zufielen, dachte er nur ‚Du weißt gar nicht, wie Recht du damit hast.‘ Und während er einschlief, freute er sich schon sehr auf den nächsten Tag mit seinem neuen Freund Karl.

 

Am nächsten Morgen wachte er wieder früh auf. Endlich. Ein neuer Tag! Doch was war das? Alles war wieder im Normalzustand! Wo war sein altes Zimmer? Er sprang wieder vor den Spiegel und schockiert musste er feststellen, dass er wohl tatsächlich alles nur geträumt hatte. Aber kann das sein? Kann man so etwas in einem solchen Umfang und so realitätsnah wirklich träumen? Das gibt es doch nicht, oder doch? Und dann fiel ihm Karl ein! Ohje! Karl! Endlich waren sie Freunde und nun ist er wieder weg! Er hatte keine Ahnung, wo er ihn finden könnte. Das machte ihn wirklich traurig. Er war sich so sicher, einen neuen wirklich guten Freund gefunden zu haben. So ein Erlebnis verbindet doch! Wie wird es Karl jetzt gehen? Ob er auch zurück in der Gegenwart ist oder ist er noch in der Vergangenheit gefangen? Ach was würde er jetzt dafür geben, Karl zu sehen und mit ihm sprechen zu können. Wenn er noch in der Vergangenheit ist, wird er sich sicherlich sehr allein fühlen. Mit wem soll er reden? Mit wem soll er sich trösten?  Anton fühlte sich schlecht. Er machte sich lustlos startklar für den Tag und trottete mit gesenktem Kopf in Richtung Gymnasium.

 

Vor Unterrichtsbeginn wurde seine Klasse darüber informiert, dass heute noch ein neuer Schüler ankommen wird. Der Lehrer bat darum, ihn herzlich aufzunehmen. Antons Freude hielt sich in Grenzen. Ein neuer Schüler. Wer weiß, was das nun wieder für ein Typ ist. Die erste Stunde war schon fast rum, da ging die Tür auf und rate, wer da stand! Karl! Der große Karl diesmal! Anton war so voller Glück. Damit hat er nun wirklich nicht gerechnet. Er rief „Hey Karl, neben mir wäre noch ein Platz frei!“ Als Karl ihn sah, stockte er kurz. Offensichtlich sich Anton bei der Entwicklung vom Grundschüler zum Gymnasiasten doch etwas verändert. Doch dann sah man Karl deutlich an, wie der Groschen fiel! „Hey Anton!“, rief er voller Glück und setzte sich zu Anton.

 

Die Begegnung der besonderen Art machte die beiden Jungs zu tollen Freunden und Anton war so froh, eine Chance bekommen zu haben, Karl doch noch kennen zu lernen. Nie wieder würden sie sich aus den Augen verlieren. Anton nahm sich fest vor, sich nicht mehr von Vorurteilen gegenüber anderen leiten zulassen. Karl und er haben Zeit für ihre Freundschaft verloren.

 

Aber besser spät, als nie!

 

 

 

15 Jahre